ATB-Geschichte

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren!

Unsere Firma hier in Spielberg ist heuer 44 Jahre alt und das nehme ich zum Anlass, um ganz "ungeschminkt" sowohl auf die Vergangenheit, auf die Gegenwart,
als auch auf die Zukunft ein wenig einzugehen.

Nachdem ich selbst nahezu 42 Jahre in der ATB beschäftigt bin, kann ich durch eigene und persönliche Erfahrung auf diese Zeit etwas näher eingehen. Ich denke,
dass wir Älteren uns gerne auf die schöne Zeit der Siebziger-Jahre zurückerinnern.

Unter Bundeskanzler Dr. Bruno Kreisky erlebten die Industriearbeitnehmer, aber auch die Bauern und Beamten und viele andere mehr einen spürbaren Aufwind,
was das Einkommen bzw. den Verdienst und damit die Lebensqualität betroffen hat.

Über mehr Urlaub, Einführung und Verbesserung der Abfertigung und dem Krankenentgeltfortzahlungsgesetz, sowie über Arbeitszeitverkürzung bei vollem
Lohnausgleich und anderes mehr konnte man sich freuen. In diesen Siebziger Jahren wurden auch Hunderttausende neue Arbeitsplätze geschaffen!

Auch unsere Firma hat sich Anfang der Siebziger-Jahre hier in Spielberg angesiedelt. Arbeitsplätze, die durch das auslaufende Kohlenbergwerk in Fohnsdorf
verloren gegangen sind, sollten durch unser Werk aufgefangen werden. Rund 2.200 Männer und Frauen fanden unter Bauknecht in dieser Zeit in unserer Firma
einen Arbeitsplatz!

Als der weltweit vertretene Bauknechtkonzern 1982 ins trudeln kam, und hier in Spielberg der Ausgleich angemeldet werden musste, war die Angst um den Verlust
des Arbeitsplatzes bei noch immer rund 1.500 Beschäftigten sehr groß. Wiederum war es die damalige Bundesregierung unter Dr. Bruno Kreisky, welche die GBI
ins Leben gerufen hatte, damit es eine Gesellschaft gab, die unseren Betrieb übernehmen konnte. Unser Betrieb wurde von der GBI übernommen, und somit
konnten viele Hunderte Arbeitsplätze gerettet werden.

Übersicht, über die geschichtliche Entwicklung unserer Firma

1973/74: Gründung der Austria Antriebstechnik in Spielberg als Tochter des Bauknechtkonzerns


1974: Produktionsbeginn teilweise Übernahme der Elektromotorenproduktion der Werke Plochingen BRD, Klingenmühle BRD und Rottenmann (Stmk)


1974-1982: Elektromotorenproduktion innerhalb des Bauknechtkonzerns


1982: Ausgleich der österreichischen Bauknechtgruppe (Konkurs in Deutschland)


1983: Übernahme durch.die Gesellschaft für Bundesbeteiligungen an Industrieunternehr'nen (66,6%) und durch die steirische
 Beteiligungsfinanzierungsgesellschaft (33,3%) mit dem Ziel "Auffangen-Sanieren-Privatisieren"


1984: Gründung einer Tochtergesellschaft in BRD- Vertriebsgesellschaft


1986: Umwandlung der Gesellschaftsform von GmbH in Aktiengesellschaft


1989: Privatisierung durch Veräußerung der ATB an die deutsche Rothenberger-Gruppe


1990: Börseneinführung im September 1990


1992: Erwerb der Aktienmehrheit (54,15%) durch die Flender ATB-Loher Antriebstechnik AG in Welzheim, deren Aktienmehrheit wiederum
 von der A. Friedrich Flender AG in Bocholt gehalten wurde


1994-1995: Erwerb eines Anteils von 10,06% der Aktien des Unternehmens durch die deutsche Babcock AG mit Sitz in Oberhausen Ende 94, und
 weiteren 3,66% Anfang 1995


1996-1997: Große wirtschaftliche Turbulenzen im Babcock und Flender Konzern. Die Auswirkungen auf die ATB-Gruppe und Spielberg waren massiv.
 Flender wollte die ATB Spielberg verkaufen oder auch zusperren, wenn ein Verkauf nicht möglich gewesen wäre.


1997: Von Anfang des Jahres bis im Herbst bemühte sich der Betriebsrat unermüdlich um eine österreichische Eigentümerlösung.
Niemand wollte zur damaligen Zeit die ATB Spielberg kaufen (zB. hat Hannes Androsch abgewunken). Unter dem Titel "weniger Staat, mehr
Privat" hat uns der politische Wind ins Gesicht geblasen. Aufgrund meiner ausgezeichneten Kontakte zu regionalen Politikern bis hin
zu Minister und Bundeskanzler war es mir letztlich auch durch die Unterstützung unserer Gewerkschaft gelungen, wieder einmal die

Republik Österreich als rettenden Anker für die Erhaltung unserer
Arbeitsplätze als neuen Eigentümer zu gewinnen!

1.10.1997: Übernahme der ATB Spielberg und Welzheim durch die GBI - Republik Österreich


2000-2001: Durch politische Veränderungen in Österreich (ÖVP-FPÖ Regierung) wurde unsere Firma wesentlich früher als ursprünglich geplant zur
Privatisierung ausgeschrieben.


2001: Wieder einmal sahen wir es als unsere Aufgabe, dem Privatisierungsauftrag der Regierung nicht freien Lauf zu lassen.
Eine gute, vor allem österreichische Eigentümer-Lösung war unser Ziel. Wir wollten nicht noch einmal in deutschen Privatbesitz zurückfallen um
als verlängerte Werkbank fungieren zu müssen. Es ging aber auch darum, Spekulanten die durch Kauf und schnellen Weiterverkauf dem
Betrieb großen Schaden zufügen um persönlich viel Geld zu verdienen, den Riegel vorzuschieben.
In allen Punkten haben wir unser Ziel erreicht!


Dez 2001: Übernahme der ATB-Gruppe Welzheim und Spielberg durch die österreichischen Investoren Dr. Mirko Kovats und DI Christian Schmidt


Okt.2010: Insolvenz durch die A-Tec-Gruppe von Mirko Kovats


Okt. 2011: Übernahme durch die Chinesische Wolong-Group

>- 1974-1984

• Gründung unserer Firma
• ÜbersteIlung und Ansiedelung von vielen großteils veralteten Maschinen aus der BRD
• Sukzessiver Ausbau der Arbeitsplätze. Großzügige finanzielle Förderungen für diesen Ausbau
• Nicht nachvollziehbare Geschäftsentwicklung?
• Geschäftsführer Dir. Helmut Plocher und Prok. Ernst Hochsteger
• Über acht Jahre herrschte eine sehr schöne Zeit für Beschäftigte und den Betriebsrat sowie die ganze Region Aichfeld-Murboden. Insbesondere die
Marktgemeinde Spielberg erlebte einen großen Aufschwung.
• Unter der Führung von ZBRV Ludwig Kopf kauft der Betriebsrat von Rottenmann und Spielberg 1980 ein Ferienhaus in Pörtschach, wo die Arbeiter
und Angestellten in Folge zu günstigsten Preisen in der Zeit von Mai bis September Erholung finden und Urlaub machen können
• Baucknechtpleite 1982 (Bauknecht Austria-Spielberg und Rottenmann) Ausgleich muss angemeldet werden
• Gründung der GBI und Übernahme der ATB Spielberg durch die GBI

>- 1984 -1994

GBI setzt neben Dir. Plocher mit Dr. Heinz einen neuen Geschäftsführer ein, wirtschaftlich geht es mit der ATB die nächsten Jahre steil bergauf! Im August 1985
löst Michael Leitner den Kollegen Hans Wohlmutter als BRV ab. Wie sich später herausstellte wird Michael Leitner im direkten Vergleich mit seinen
Vorgängern (Werzer, Haghofer, Ruttensteiner und Wohlmutter, alle Kurzzeit Vorsitzende) Betriebsratsvorsitzender über Jahrzehnte. In den nächsten Jahren ging
es unter der Führung von Ing. Fischer und DI Plocher ständig bergauf! Das Wirtschaftsjahr 1990 brachte Rekordergebnisse. Die Herren Fischer und Plocher
wurden zu den Managern des Jahres gewählt und die Arbeiter und Angestellten durften sich über schöne Prämien freuen. Herr Vorstandsdirektor DI Helmut Plocher seit 1975 bei Bauknecht und damit der Mann der 1. Stunde in Spielberg tritt im Oktober 1991 seinen wohlverdienten Ruhestand an. Auch die weiteren Jahre bis 1994 waren sehr erfolgreich. Gewinne für das Unternehmen, Prämien für die Arbeitnehmer und Dividenden für die Aktionäre standen an der Tagesordnung. Wobei Prämien für die Arbeitnehmer keine Selbstverständlichkeit waren, sondern von Betriebsrat gefordert, abverhandelt und in die Realität umgesetzt wurden.

>- 1994-2004

Die letzten 10 Jahre sollten die schwierigsten in unserer Firmengeschichte werden. Nicht ganz freiwillig wurde Ende 1995 der Vorstandsdirektor Erwin Fischer in
den Ruhestand verabschiedet. Herr Fischer war ein erfolgreicher Manager und genoss auch in der Belegschaft großes Ansehen. Vor allem konnte er sich auch
gegenüber den deutschen Eigentümervertretern für Spielberg ein- und durchsetzen. Sein Abgang war für die ATB Spielberg ein großer Verlust, wie dies die
Folgejahre auch bewiesen. Umsatzschwierigkeiten und rote Zahlen im Ergebnis standen ab 1996 an der Tagesordnung. Der Betriebsrat wurde ständig mit
Personalreduzierungen und Einsparungen bei Lohn und Gehalt sowie bei den Sozialleistungen konfrontiert. Die Angst, dass diese negative wirtschaftliche
Entwicklung 1997 zum Aus, ja zum Zusperren der ATB Spielberg führen könnte war sehr groß unter den Insidern der ATB und war auch nicht aus der Luft gegriffen.
Deutsche Tageszeitungen haben über das Zusperren in Spielberg bereits berichtet. Ich bin stolz über die Tatsache, dass es mir gelungen ist, die Republik
Österreich neuerlich als Rettung in letzter Not für die ATB Spielberg, für unser Werk und vor allem für die vielen Beschäftigten Arbeiter und Angestellten zu gewinnen.
Im ständigen Einsatz um ein Zusperren von Spielberg zu verhindern, war ich sowohl alleine, als auch mit meinem damaligen BR Kollegen Radlingmayr Rudolf vom
ANG BR in alle Richtungen unterwegs. Gespräche mit dem damals obersten Chef von Babcock in Oberhausen, Gespräche mit dem scheidenden und neuen
Bundeskanzler Vranitzky und Klima, mit den Ministern Scholten und Einem, mit Landeshauptfrau Klasnic, und mit dem Vorsitzenden Rudolf Nürnberger von unserer
Gewerkschaft, fanden statt. Auch viele andere, wie regionale Politiker, Bürgermeister Binderbauer, und Eigentümervertreter von Flender wurden von mir kontaktiert.
In meiner 29-jährigen Firmenzugehörigkeit und 19-jährigen Tätigkeit als Betriebsratsvorsitzender war es mein größter Erfolg, und meine größte Freude, als
ich Ende September Abends um 18 Uhr 30 am Handy von Minister Einem angerufen wurde, und er mir Folgendes mitteilte:

"Michael, du hast es geschafft! Wir die GBI werden heute Abend die Verträge
unterschreiben, und euren Betrieb mit 1. Oktober 1997 übernehmen"!

Mit diesem Beitrag möchte ich nicht in Selbstlobhudelei verfallen, sondern vielmehr glaube ich ein Recht darauf zu haben, die Tatsache aufzeigen zu dürfen, dass es mir gelungen ist, die ATB Spielberg mit ihren rund 800 Arbeitsplätzen vor dem Zusperren zu retten.
Obwohl unser Betrieb gerettet war, und die Arbeitsplätze erhalten wurden, war der Druck auf die Arbeitnehmer und auf den Betriebsrat sehr sehr groß. Über sechs
Jahre von 1996 bis 2001 kamen wir aus der Verlustzone, aus den roten Zahlen nicht mehr heraus. Die Wende sollte in einer vorzeitigen Privatisierung durch einen
neuen privaten Eigentümer erfolgen. Im Dezember 2001 war es soweit: Mit Dr. Mirko Kovats bekamen wir, unserem Wunsch entsprechend, einen neuen
österreichischen Eigentümer.

Die Jahre von Anfang 2002 bis heute waren geprägt von Rationalisierungen und rigorosem Einsparen. Die ATB-Gruppe von zwei Betrieben wurde durch Zukauf von
drei weiteren auf inzwischen fünf Betriebe erweitert. Sowohl in Forschung und Entwicklung als auch in die Elektronik wurde investiert, aber auch die Erweiterung
und die Konzentration in der Produktpalette war Bestandteil des neuen strategischen Konzeptes. Dass sowohl Spielberg als auch die gesamte ATB-Gruppe wieder
Gewinne erwirtschaften kann, ist für uns Arbeitnehmer die Überlebenschance schlechthin.

Als Arbeitnehmer oder Betriebsrat die Meinung zu vertreten, "mir ist es wurscht" ob die Firma Gewinne oder Verluste schreibt, ist eine kurzfristige und ohne über die
Konsequenzen nachgedachte Meinung. Verluste bzw. rote Zahlen im Betrieb gehen immer und überall auf Kosten der Arbeitnehmer. Im schlechtesten Fall durch
Zusperren des Betriebs.
Die wirtschaftliche Entwicklung in den Jahren 2004 bis heute hat im Jahr 2008 in eine Wirtschaftskrise gemundet. Personalabbau, Kurzarbeit, Freistellungen waren die Konsequenzen in den Betrieben auf der ganzen Welt.

Zusammenfassung und Zukunftsprognosen

Den Elektromotor gibt es seit rund 100 Jahren. Seit 43 Jahren auch hier in Spielberg.

Ich denke, dass der Fall der Mauer in Berlin, der Zusammenbruch des Kommunismus und die Öffnung des Ostens einerseits, die damit direkt verbundene
Globalisierung bzw. der Zusammenschluss innerhalb Europas und der Ausweitung und Ausnutzung des Kapitalismus andererseits, Grund und Schuld für den
fürchterlichen Konkurrenz- und Wettbewerbskampf sind. Der gesättigfe Markt im Westen und kein Geld im Osten tragen zusätzlich zum bestehenden
Verdrängungswettbewerb bei.

Ich glaube nicht, dass in Zukunft mehr produziert und verkauft werden kann. Es sei denn, ein Konkurrent bricht weg und sperrt zu. Auch neue Produkte sind die
Voraussetzung für ein positives und langfristiges Engagement am internationalen Markt. Alle diese weltwirtschaftlichen und europäischen Veränderungen in der
Wirtschaft die mit Riesenschritten voranschreiten, lassen auch die ATB in Spielberg nicht zur Ruhe kommen. Wie in einem Kreislauf, wie in einem Getriebe, sind wir ein kleiner Teil davon und können da ohne gravierende Konsequenzen nicht ausscheren.

Obwohl wir im Arbeiterbetriebsrat über Jahre hindurch wenn erforderlich unsere Stärke durch Protestkundgebungen bis hin zum Streik einerseits, oder wenn nötig
durch Kompromissbereitschaft andererseits unter Beweis gestellt haben, sind wir nun schon seit 10 Jahren immer wieder und immer mehr unter Druck, um das
Niveau beim Verdienst hoch zu halten und gleichzeitig die Arbeitsplätze zu sichern um nur die zwei wichtigsten Fakten zu erwähnen.

Niemand soll glauben, dass es ein Betriebsrat leicht hat. Gut 85% meiner Tätigkeit besteht darin, für Probleme da zu sein, sie anzuhören, und nach einer
befriedigenden Lösung zu suchen. Wäre ich gegenüber der Firmenleitung ein ständiger JA-Sager würde ich wohl kaum auf 31 Jahre Tätigkeit als
Betriebsratsvorsitzender verweisen können. Wäre ich ein ständiger NEIN-Sager, würde es die ATB in Spielberg nicht mehr geben. Es geht also darum, das richtige
Feeling, die richtige Taktik und die notwendige Unterstützung aus Gewerkschaft und Politik zu haben. Es geht aber auch darum, den Überblick über das Ganze zu
haben. Von den verschiedensten und vielen Vorständen und Eigentümern akzeptiert und respektiert zu werden, aber auch das Vertrauen und den Zusammenhalt
mit und in der Belegschaft zu fördern, war immer mein Bestreben. Ein altes und weises Sprichwort sagt: "Nur gemeinsam sind wir stark, und jedem Recht getan, ist eine Kunst die niemand kann"! .

In diesem Sinne möchte ich nochmals festhalten, dass die aus den Schwierigkeiten der jüngsten Vergangenheit resultierenden Maßnahmen unbedingt erforderlich waren, um den Erhalt von rund 300 Arbeitsplätzen sicherzustellen und somit eine Halbierung der Belegschaft verhindern zu können.

Je größer und umfangreicher unser Betrieb mit seinen verschiedenen Abteilungen aufrecht erhalten bleibt, desto sicherer ist auch die langfristige Absicherung des
gesamten Unternehmens. Die ATB soll nach unserer Generation auch unseren Kindern und Enkelkindern einen Arbeitsplatz bieten.

Ich werde mich auch weiterhin bei bestem Bemühen für die Arbeitnehmer einsetzen, und bin davon überzeugt, dass die ATB auch in Zukunft größter Arbeitgeber im Aichfeld sein wird.

Euer BRV Michael Leitner